Grenze Lesotho – Willowmore

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28. Mai – 3. Juni 2024:

Der südafrikanische Grenzposten war viel grösser als der in Lesotho. Die offensichtlich gelangweilten Beamten stellten viele Fragen und glaubten kaum, dass wir nach Kapstadt unterwegs waren. Wahrscheinlich ist es besser sie kennen nicht die gesamte Route.

Direkt nach der Grenze waren wieder ununterbrochen Zäune am Strassenrand. Dies war in Lesotho nicht der Fall und wir bevorzugen diese Freiheit. Zuerst war die Schotterstrasse in einem top-Zustand, bis sie immer schlechter und holpriger wurde. Nach 20 km erreichten wir eine Kreuzung, wo eine Asphaltstrasse auf uns wartete.

Von dort waren es noch 50 km bis zum nächsten Ort. Wieder in Südafrika, mussten wir uns an die grossen Distanzen zwischen den Orten gewöhnen. Bei einem Rastplatz assen wir unsere Portion Chakalaka aus der Dose, bevor wir die restliche Distanz bis Rouxville unter die Räder nahmen. In dieser Kleinstadt kauften wir Proviant ein und fanden wenig später einen Platz für die Nacht zwischen einer Nebenstrasse und Stacheldraht.

Zu Beginn der Reise überlegten wir uns am Abend, wo die Sonne aufgehen wird und stellten das Zelt in den Morgenschatten. Nun, im südafrikanischen Winter stellen wir das Zelt so auf, damit wir möglichst früh Sonne haben.

Bis zur ersten Kleinstadt mussten wir trotz Sonne noch mit Jacke und Handschuhen fahren, bis sich die Lufttemperatur genug warm anfühlte. Bevor wir Aliwal North erreichten, überquerten wir zum zweiten Mal den Orange River. Dieser ist der zweitlängste Fluss im südlichen Afrika, entspringt in Lesotho und mündet an der Grenze zwischen Namibia und Südafrika ins Meer.

Wegen den Wahlen im ganzen Land war es ein Feiertag und viele Geschäfte waren geschlossen. Trotzdem konnten wir Lebensmittel einkaufen und sahen einige Leute vor den Wahllokalen. Nachdem man hier gewählt hat, bekommt man einen farbigen Daumen, damit man nicht mehrfach wählen kann.

Zur nächsten Stadt waren es nochmals fast 60 km. Diese Strecke legten wir dank flachem Terrain und gutem Strassenbelag zügig zurück. Burgersdorp wirkte wie ausgestorben und knapp konnten wir noch ein paar Burger ergattern und fanden einen kleinen Laden für das Nötigste. Meistens fragen uns Bettler vor den Einkaufsläden nach Kleingeld oder Brot. Vielfach werden wir zuerst in Afrikaans angesprochen, da die meisten weissen Südafrikaner/innen nur diese Sprache oder Englisch beherrschen. Englisch ist die Verkehrssprache, aber isiZulu ist die meistgesprochenste Sprache im Land. Südafrika hat nach Bolivien und Indien am meisten offizielle Sprachen der Welt. Im Jahr 2023 wurde die südafrikanische Gebärdensprache sogar zur zwölften Amtssprache.

Seit langem war es wiedermal windig. Zu Beginn kam er von der für uns richtigen Seite und wir kamen schnell vorwärts. Nach einer Abzweigung auf eine andere Strasse kam der Wind plötzlich von einer anderen Seite und wurde zudem stärker. So mussten wir uns den Burger mit Pommes hart verdienen, denn der nächste Ort mit Windschatten kam erst nach total 65 km. Unterwegs sahen wir plötzlich einen Autofahrer, der alleine sein Auto anschob, reinsprang und den Motor startete. Ein unterhaltsames Schauspiel mitten im Nirgendwo.

Einheimische sagten uns, dass eine Kaltfront bzw. der Winter im Anmarsch sei und dies den Wind erkläre. So mussten wir uns in den nächsten Tagen auf kältere Tagestemperaturen und seit langem wieder auf Regen einstellen.

Nach einer langen Pause fuhren wir weiter in Richtung Middelburg. Bis zu dieser Stadt waren es noch knapp 90 km und unterwegs kam gar nichts, ausser verlassene Bahnhöfe und ab zu eine Abzweigung ins Juhee. Für uns sind solche Distanzen zwischen Orten ungewöhnlich und wir sind uns ein ganz anderes Level an Bevölkerungsdichte gewohnt. Südafrika ist etwa 3.5-mal so gross wie Deutschland und zählt jedoch «nur» 62 Millionen Einwohner.

Tatsächlich kühlte es ab und wir fuhren während der dreistündigen Fahrt bis nach Middelburg mit Windjacke. Beim Einkaufen des Mittagessens wurden wir von Susan und ihrem Sohn Will angesprochen. Unsere Gastgeber, welche wir über Warmshowers kontaktiert hatten, waren zufälligerweise gleichzeitig im Spar. Der fahrradbegeisterte Willie kam uns kurz darauf abholen und zeigte uns das schöne Haus mit Innenhof.

Willie hat selber unzählige Fahrradtouren in der Gegend unternommen und reiste mit dem Motorrad durch Ostafrika und den mittleren Osten. Die Familie wusste genau was wir brauchten und verwöhnten uns von A bis Z. Zum Mittagessen gab es Kaffee und Hotdogs. Zum Abendessen wurde ein grosses Feuer gemacht und Potjiekos zubereitet. Dieses traditionelle südafrikanische Eintopfgericht wird stundenlang über dem Feuer gekocht. Während dem Kochen unternahmen wir Männer eine kurze Bar-Tour und lernten so einige Einheimische kennen. Brandy und Cola ist populär und so mussten wir dieses Mischgetränk probieren. Nach dieser Tour waren wir froh etwas zu Essen, da wir den Alkohol nicht mehr gewohnt sind. Zum Dessert gab es Melktert, eine weitere südafrikanische Spezialität. Mit Will und seinem Freund standen wir ums Feuer und tranken Brandy mit Cola. Nicht einmal der einsetzende Regen hielt uns davon ab und wir lernten viel über die Region und das Leben der Bauern.

Nach einer verdauungsintensiven Nacht brachte uns Susan morgens Kaffee und Kekse ans Bett. Unglaublich wie sich die freundliche Familie ins Zeug setzte, um uns eine erholsame Pause zu ermöglichen.

Dank der leckeren Gerichte und den bereichernden Gespräche konnten wir uns erholen und ausserdem bekamen wir wertvolle Tipps für die kommende Route.

Zum Abendessen wurde nochmals ein Feuer entfacht und viel Fleisch gegrillt. In Südafrika ist eine Mahlzeit ohne Fleisch keine echte Mahlzeit. So genossen wir den Grillplausch (genannt braai) und konnten Kalorien tanken für die nächsten intensiven Tage im Sattel.

Nach dem Abendessen besuchten wir eine Bar, in welcher wir am Vorabend noch nicht waren und Live-Musik spielte. Eigentlich wollten wir nur kurz bleiben, aber schlussendlich wurde es trotzdem später. In der Bar herrschte eine feuchtfröhliche Stimmung, da viele Studenten aus dem ganzen Land vor Ort waren, welche am nahegelegenen College Landwirtschaft studieren. Diese trugen alle kurze Hosen, eine Tarnjacke und einen Hut. Willie und Will erzählten einigen Bekannten stolz von unserem Projekt und so kamen wir mit einigen jungen Barbesuchern ins Gespräch. Wir bekamen sogar eine Spontaneinladung auf ein Weingut in der Nähe von Kapstadt.

Wir taten uns schwer aus den bequemen Betten zu steigen mit den mittlerweile doch eher kalten Temperaturen draussen. Der Kaffee mit Keksen im Bett belebte unsere Lebensgeister und wir machten uns bereit für die nächste Etappe. Nach einem zünftigen Frühstück verabschiedeten wir uns von Susan und Will. Willie begleitete uns noch ein paar Kilometer, bevor wir uns auch bei ihm bedankten und verabschiedeten. Wir hoffen er kann sein Traumprojekt verwirklichen. Willie möchte von Middelburg in Südafrika nach Middelburg in den Niederlanden per Fahrrad reisen und das mit bald 70 Jahren.

Nachdem wir einen Pass überquert hatten, unterstützte uns plötzlich der Wind, um vorwärts zu kommen. Wir mussten kaum Kraft aufwenden und düsten mit fast 50 km/h im eher flachen Gelände über den Asphalt. Bei den Abfahrten wurden wir schon fast zu schnell und mussten uns konzentrieren wo wir hinsteuerten.

So erreichten wir trotz eher spätem Start den nächsten Ort, genannt Graaff-Reinet nach über 100 km am frühen Nachmittag. Nach einer Oraldosis Zucker wollten wir unweit der Stadt einen Platz für die Nacht suchen. Doch wenige Kilometer nach dem Verlasen des Ortes, hielt ein Auto an und die freundliche Frau meinte, wir sollen doch bei ihr zu Hause schlafen, anstatt im Zelt neben der Hauptstrasse. Sie rief ihren Mann Tony an und informierte ihn über unsere Ankunft. Der Haken war nur, dass das Haus noch über 50 km entfernt war. Wir entschieden uns trotzdem die Herausforderung anzunehmen, da der Rückenwind nach wie vor präsent war.

Zwei Stunden später erreichten wir Aberdeen im Dunkeln. Tony empfing uns herzlich und zeigte uns unser Zimmer. Der etwas hibbelige Ex-Radprofi servierte uns Kaffee, schaltete den Boiler ein und erzählte uns aus seiner Zeit als Arbeiter in einer Goldmine. Die Förderung der Bodenschätze (Chrom, Platin, Mangan, Vanadium, Gold, Diamanten, Kohle, Eisenerz und weitere Metalle) sind  immer noch für 40-50% der Exporterlöse verantwortlich.

Nach einer nassen und gewitterhaften Nacht waren wir froh, dass wir drinnen schlafen durften. Tony bereitete ein südafrikanisches Radlerfrühstück mit Eier, Wurst und Toast zu. Nach einem Gebet für die sichere Fortsetzung unserer Reise und einer Führung durch seine Apotheke, machten wir uns auf die schnurgerade Strecke nach Willowmore.

Ausser ein paar Antilopen und einem Schakal, war die Landschaft sehr monoton und das Wetter extrem wechselhaft. Überall sahen wir kleinere und grössere Pfützen vom Regen, da der Boden das Regenwasser nicht aufnehmen konnte.

Seit ein paar Tagen sind wir in der sogenannten Karoo, welche eine Halbwüstenlandschaft in den Hochebenen Südafrikas und Namibias ist. Mit einer Ausdehnung von fast 500’000 km2 umfasst die Karoo fast ein Drittel des Territoriums Südafrikas.

Während einer Pinkelpause hielt ein sportlich aussehender Mann mittleren Alters und brachte uns eine Banane und einen Apfel. Wir hielten einen kurzen Schwatz und bevor er weiterfuhr, fragte er uns, ob er für uns beten kann. Offensichtlich sind die Menschen in Südafrika sehr religiös.

In einem Restaurant konnten wir dem kalten Wind entfliehen und etwas warmes Essen und Trinken. Im Laden konnte man viele regionale Produkte kaufen und er war lieblich eingerichtet. Irgendwann schloss der Laden und wir fuhren noch etwa eine Stunde weiter. Bei einem Hof fragten wir ein älteres Pärchen, ob wir unser Zelt auf ihrem Grundstück aufstellen konnten. Trotz dem Überraschungsbesuch bekamen wir die Erlaubnis und durften unser Zelt im Windschatten aufstellen. Ein wenig später brachte uns der Mann eine Art Hot Dog, was wir sehr schätzten.

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