Norwegen

19. Mai – 26. Mai 2018:

Mit voller Motivation strampelten wir los zum anderen Kap, welches lediglich auf der anderen Seite der Erdkugel liegt. Auf uns warteten über 30’000km, 30 Länder und 2 Kontinente!

Der Weg führte uns durch karge und felsige Landschaften, welche überall noch mit Schnee bedeckt waren. Auf den freien Stellen sichteten wir immer wieder zahlreiche Rentiere. Manchmal flohen die wilden Tiere in suizidaler Art und Weise entweder quer über die Strasse oder knapp am Abgrund vorbei. Ebenfalls ein ständiger Begleiter war der starke Wind. Dieser forderte unsere noch untrainierten Beine besonders. Am gewaltigsten traf uns der Wind am ersten Tag direkt nach einem Tunnel. Wir konnten uns kaum auf den Fahrrädern halten. Nach einer Verschnaufpause stellte sich das Losfahren als eine wahre Herkulesaufgabe heraus. Dabei mussten wir das Fahrrad in geduckter Haltung anschieben und irgendwie versuchen mit aller Kraft in die Pedale zu treten ohne umzukippen. Diese Angelegenheit war ganz klar ein unvergesslicher Moment, welche unsere Motivation für die Weiterreise auf die Probe stellte. Der Wind liess uns in Norwegen zwar nie richtig los aber zum Glück waren die Böen nie mehr so stark wie an jenem Tag.

Die Nordkapinsel ist durch einen 6.8km langen Tunnel mit dem Festland verbunden. Dieser führte uns zeitweise 212 Metern unter dem Meeresspiegel hindurch. Zu Beginn genossen wir die steile Abfahrt mit bis zu 10% Gefälle. Dies änderte sich aber spätestens auf der zweiten Hälfte des Tunnels, als wir die steile Steigung im dunklen Loch wieder hochstrampeln mussten, immerhin ohne Wind!

Durch die fehlende Nacht kam es, dass wir uns zum Teil um 20 Uhr immer noch auf dem Drahtesel befanden. Vor dem Weltmeisterschaftsfinal der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft gegen Schweden wollten wir rechtzeitig einen Übernachtungsplatz finden. Zum Glück konnten wir mit der heutigen Technik auch weit weg der Zivilisation das Spiel verfolgen. Trotz verpasster Goldmedaille feierten wir den Finaleinzug mit einem kräftigen Schluck Whiskey aus dem Flachmann!

Umso weiter südlich wir kamen, desto mehr Vegetation zierte die Landschaften. Zuerst gab es immer mehr Büsche, welche später durch Bäume ergänzt wurden. Dieser Wandel wurde durch die zahlreichen Pässe unterbrochen. Vielfach freuten wir uns nach der Anstrengung auf die kommende Abfahrt, machten jedoch die Rechnung ohne den Wind. So kam es, dass wir bei kräftigem Gegenwind ins Tal runterstrampeln mussten.

Am Anfang der Tour, vor allem wenn die Kilometer hart verdient sein müssen, darf man sich bekanntlich über kleine Erfolge freuen. Einer dieser Meilensteine erreichten wir zwischen den Pässen und mit dem Wind im Gesicht. Der Kilometerzähler verzeichnete die Ersten 300 km und somit ungefähr 1% der Gesamtstrecke (30’000 km).

Ein landschaftlicher Höhepunkt und eine Augenweide waren die für Norwegen typischen Fjorde. Das Meer reicht bis weit ins Landesinnere und gibt der Umgebung ein charakteristisches Flair. Dies hatte zur Folge, dass wir wegen der majestätischen Fjorde beträchtliche Abstecher in Kauf nehmen mussten.

Wie die Fjorde gehört auch das wechselhafte Wetter zu Norwegen. Das Wetter wechselte in kurzen Zeitspannen. Die meisten Tage regnete es mindestens einmal und purer Sonnenstein erlebten wir in Norwegen selten. An einem Tag testeten die Wettergötter unsere Willenskraft bis aufs Letzte. Zuerst regnete es leicht, was für uns kein Problem darstellte. Die Regenkleider trugen wir sowieso schon seit dem Fahrtbeginn frühmorgens. Kurz darauf wurde der schwache Nieselregen von immer stärker werdendem Regen abgelöst und uns lief das Wasser über die kalten Gesichter. Wir schrien einander zu: Schlimmer kann es jetzt wohl nicht mehr kommen! Falsch gedacht. Kaum waren die Worte ausgesprochen, wechselte der Aggregatszustand des kalten Nass und es schneite uns senkrecht ins Gesicht. Denn der Wind war uns seit dem ersten Tag stets treu geblieben. Durch den Schneesturm kämpfend und unter den vielen Kleidungsschichten trotzdem schwitzend, wünschten wir uns das Ende herbei. 30 Minuten später stoppte der Schneefall und bald grüsste die Sonne wieder von oben.

Bis anhin hatten wir nur wild campiert und dadurch kam die Körperhygiene zu kurz. Daher genossen wir eine Woche nach Tromsø die ersehnte Dusche auf dem ersten offiziellen Campingplatz und fühlten uns danach wie neu geboren.

Von der Strasse aus sahen wir zahlreiche Holzkonstruktionen, die wie das Gerüst eines grossen Zeltes aussahen. Dies waren jedoch nicht die Überbleibsel eines Festivals. Viel mehr diente es den lokalen Fischern die gefangenen Fische, vor allem Kabeljau, aufzuhängen und zu trocknen. Der getrocknete und extrem zähe Fisch ist bekannt unter dem Namen Stockfisch. Das raue norwegische Wetter und die Nähe zum Meer geben dem Stockfisch seinen charakteristischen Geschmack. Es lohnt sich die Spezialität zu probieren- über den Geschmack sollte sich jeder sein eigenes Bild machen.

Nicht nur unsere Körper wurden gefordert und strapaziert, sondern auch unsere Fahrräder. Wir hatten uns vor der Reise entschieden, dass wir auf die Vorderradtaschen verzichten würden und alles Gepäck auf dem Gepäckträger fixieren. Dadurch ist das Hinterrad klar mehr belastet. Folglich ertönte in einem sonst schon lauten Tunnel ein nicht zu verachtendes Geräusch. Dieses signalisierte den Bruch der ersten Speiche, welche den hohen Belastungen nicht standhalten konnte. Nun war das im Vorfeld erlernte Handwerk gefragt. Ohne grössere Probleme und Ausdauer konnte die Speiche noch am selben Abend, bei kalten Temperaturen ersetzt werden.

Am siebten Tag und somit zweitletzten Tag in Norwegen machten wir direkt zu Beginn eine nette Bekanntschaft. Bei prächtigem Sonnenschein trafen wir auf einen junggebliebenen Deutschen aus Bayern, der vom Nordkap bis nach Nürnberg läuft, ja – LÄUFT! Walter ist mit einem modifizierten Kinderwagen unterwegs. Er hatte sein Gefährt so präpariert, dass er bergab darauf stehen und somit Geschwindigkeiten bis zu 30 km/h erreichen kann. Bis anhin meisterte er um die 60 km pro Tag – eine sportliche Leistung!

Am selben Tag erlaubte uns das schöne Wetter zum ersten Mal mit kurzen Hosen und T-Shirt zu fahren. Somit genossen wir sogar den Schlenker von 45 km, der uns ein riesiger Fjord bescherte. Am Wendepunkt kamen wir während der Mittagspause vor dem Supermarkt mit Norwegern ins Gespräch. Die Gruppe war, dank reichlichem Bierkonsum, in bester Laune und sehr interessiert an unserem Vorhaben. Die lustige Truppe gab uns Stockfisch zu probieren und witzelte über das Wetter und ihre nicht anwesenden Ehefrauen. Leider boten sich ansonsten nicht viele Gelegenheiten Einheimische kennenzulernen, da die von uns durchfahrene Gegend dünn besiedelt ist und die Norweger nicht als extrovertierte Menschen auffallen.

Vom Beginn des Tages bis zum Ende des erwähnten Fjordes hatten wir ideale Bedingungen. Während den letzten Kilometern an der norwegischen Küste in Richtung Skibotn rauschte uns wieder einmal heftiger Gegenwind entgegen und raubte uns allen die letzten Reserven. Schlussendlich radelten wir zum ersten Mal über 100 km an einem Tag seit dem Projektstart.

Das nächste Ziel war direkt nach der norwegisch-finnischen Grenze in einem kleinen Dorf auf über 600 m.ü.M. Durch die Plattform Warmshowers.com hatten wir eine Bleibe für zwei Nächte in Kilpisjärvi, bei einem neuseeländisch-finnischen Paar gefunden. Die Plattform bietet Radreisenden eine warme Dusche und meistens auch eine Bleibe für ein paar Nächte. Der Weg dorthin führte uns durch ein märchenhaftes Tal immer weiter hoch in die Berge. Die Umgebung wechselte von Föhrenwäldern zu vereinzelten Birken und schlussendlich zu einer kargen Landschaft mit Büschen und ausgetrockneten Wiesen. Kurz vor der Passhöhe fuhren wir an einem immer noch komplett zugefrorenen See vorbei, um danach die unspektakuläre Grenze nach Finnland zu überqueren. Während dem Überqueren der Grenze spielten wir die finnische Nationalhymne, eine Tradition die wir bis Südafrika aufrechterhalten möchten.