Deutschland

9. Juli – 29.Juli 2018:

Bereits die zweite Grenzüberschreitung erfolgte per Fähre und somit gelangten wir in unser fünftes Land auf dem Weg nach Südafrika. Der Rekordsommer liess uns trotz eines kurzen Regenschauers am ersten Abend in Deutschland nicht im Stich und die Sonne zeigte sich bereits wieder am nächsten Morgen. Die vielen herumhoppelnden Hasen auf dem ruhigen, gemütlichen Campingplatz auf Sylt zogen ab und zu unsere Aufmerksamkeit auf sich und wir amüsierten uns köstlich über die vielen Kotrückstände auf dem Rasen. In Westerland genossen wir die grosse Auswahl an lokalem Fisch und natürlich ein köstliches Bier. Im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarn, gibt es in Deutschland eine offensichtliche Restaurantkultur. Einheimische essen ab und zu auswärts und man trifft sich vermehrt auf ein kühles Bier. Ausserdem gibt es eine ausgezeichnete, wenn auch deftige lokale Küche, welche uns in den ersten vier Ländern ein wenig gefehlt hatte.

Die einzige Möglichkeit die Insel Sylt, welche die grösste nordfriesische und somit die viertgrösste Insel Deutschlands ist, zu verlassen war der Zug. So verliessen wir die beliebte Sommerdestination vieler Europäer über den 11km langen Hindenburgdamm in Richtung Festland. Wir radelten Richtung Osten über die landwirtschaftlich genutzten Gegenden Nordfrieslands. Wie auch in Dänemark gab es bisher in Deutschland meistens einen Radweg neben der Strasse, welcher das Radeln stressfreier gestaltete. Auch wenn die Qualität der Radwege zum Teil zu wünschen übriglässt, hat die Schweiz definitiv noch Nachholbedarf.

In der Nähe der Küste sichteten wir unzählige Windräder die den stetigen Wind in Elektrizität umwandeln. Anhand der grossen Windanlagen ist unschwer zu erkennen wie das zukünftige Energiekonzept Deutschlands aussieht. Kurz vor Schleswig fanden wir einen kleinen See mit einer Wiese und entschieden uns dort zu übernachten. Der See war aufgrund des warmen Sommer nicht in einem ausgezeichneten Zustand, aber wir freuten uns trotzdem über die verdiente Abkühlung.

Kurz nach Schleswig, erreichten wir bereits Kiel und entspannten in einem Stadtpark mit See. Die vielen Enten und Vögel verwandelten die Wiese in ein riesiges Klo und verfärbten unsere Tücher in verschiedenen Brauntönen. In Kiel durften wir bei Sarah übernachten, welche wir über Couchsurfing kennengelernt hatten. Sie bot uns ein Dach über dem Kopf und eine Dusche an und wir genossen die Abwechslung. Am Nachmittag des Pausentages liefen wir durch die Innenstadt Kiels und entlang des Hafens. Wie schon von Sarah angekündigt, bot die Stadt nicht viel Sehenswertes. Während des 2. Weltkrieges wurde Kiel dem Erdboden gleichgemacht und weist darum heute nicht mehr viele historische Gebäude auf.

In Deutschland ist uns sofort aufgefallen wie viel offener und kommunikativer die Menschen sind. Interessierte Leute sprachen uns vor dem Supermarkt an und wollten wissen wohin wir fahren und ob wir Hilfe benötigen. Mehrmals boten uns die Leute einen Schlafplatz in ihrem Heimatort an, falls wir dort vorbeikommen. In den vorherigen Skandinavischen Ländern war die Kontaktaufnahme eher zurückhaltender und weniger häufig, wie wir das aus der Schweiz etwa kennen.

Auf dem Weg zur drittgrössten Insel Deutschlands fuhren wir wieder an vielen Reethäuser vorbei, die uns seit Südschweden begleiteten. Am Campingplatz angekommen, bauten wir unsere Zelte auf, assen Abendessen und schlürften einen Cocktail während wir die Live-Musik mit den Ü50ern verfolgten. Nach dem aktualisieren unserer Webseite begaben wir uns zum sehr nahen Strand und genossen die Sonne und die kühle Meeresbrise.

Vor der Abfahrt sprachen uns verschiedene Gäste des Campingplatzes auf unsere Reise an und wir hatten interessante Gespräche. Wir entschieden uns die friedliche Insel wieder zu verlassen, nach einigen erholsamen Tagen am Meer. Zurück auf dem Fahrrad brannte schon früh morgens die Sonne auf unsere Körper und liess uns schwitzen wie in einer Sauna. Einheimische empfahlen uns die Eisdiele «Venezia» in Bad Schwartau und wir wurden vom selbstgemachten Eis nicht enttäuscht. Am Abend erreichten wir Lübeck und durften im Garten von Karl und Barbara unsere Zelte aufschlagen. Das nette, ältere Pärchen mit eigener Drechslerei lernten wir durch Warmshowers kennen. Schon bald nach der Ankunft wurden wir mit leckerem Abendessen und Bier verwöhnt und genossen die neue Bekanntschaft.

Mit Karte und vielen interessanten Informationen ausgestattet, starteten wir dank Karl und Barbara zielorientiert in unsere Stadtbesichtigung in der Hansestadt Lübeck. Die wunderschöne Altstadt mit zahlreichen Kulturdenkmalen ist Teil des UNESCO-Welterbes und beeindruckte uns mit seiner Dichte an Altbauten. Das Holstentor, die Marienkirche und der Dom sind die Wahrzeichen der Stadt des Marzipans. Das interessante und kostenlose Willy-Brandt-Museum besuchten wir zum Abschluss der Tour durch die Innenstadt.

Wieder vollgetankt mit Energie, starteten wir unsere Etappe in Richtung der Metropolregion Hamburg. Die Temperaturen erreichten fast die 30 Grad Marke und liessen uns so richtig Schwitzen. Am frühen Nachmittag erreichten wir Holm, ein kleines Dorf etwa 25km ausserhalb von Hamburg, wo wir bei Bekannten im schönen Garten unsere Zelte aufstellen konnten. In Hamburg stiess Bettina zu unserer dreiköpfigen Truppe und wird uns für die nächsten Wochen begleiten.

Die Freie und Hansestadt Hamburg ist die zweitgrösste Stadt Deutschlands und gleichzeitig die grösste in der EU, die nicht eine Hauptstadt ist. Der Stadtstaat verfügt über einer der grössten Umschlaghäfen weltweit und besitzt viele interessante Gebäude, welche Touristen aus aller Welt anzieht. Als erstes schlossen wir uns einer «Free Walking Tour» an, welche die Hafenregion und St.Pauli im Fokus hatte. Wir bekamen einen Eindruck vom starken Charakter der Bevölkerung im St.Pauli-Quartier und genossen die lockere Atmosphäre im Hafenviertel.

Wir unternahmen eine geführte Hafenrundfahrt inklusive Speicherstadt, so erhielten wir eine andere Perspektive auf die Hafenanlage. Anschliessend genossen wir Ferienstimmung am Strand Pauli und befeuchteten unsere trockenen Kehlen mit einem kühlen Bier. Ein Besuch in Hamburg ohne Besuch im Theater wäre unvollständig. Somit organisierten wir uns spontan Tickets für die Nachtvorstellung des Musicals «Catch me if you can» im Altonaer Theater und stürzten uns danach ins Hamburger Nachtleben. Nach einigen nicht jugendfreien Getränken, einem Techno-Club und einer Besichtigung des eindrücklichen Bunkers, liessen wir die Nacht am Fischmarkt mit einem Fischbrötchen und dem letzten Bier ausklingen.

Am ersten Tag mit den drei Jungs, wurde Bettinas Fitness gleich auf die Probe gestellt. Bei grosser Hitze wartete mit 110km ein anstrengender Tag auf unsere erste Begleiterin. Nachdem uns die Fähre über die Elbe transportierte, fuhren wir durch eine riesige Obstplantage. Das als «altes Land» bezeichnete Obstanbaugebiet ist eines der grössten in Europa und erstreckt sich über die Bundesländer Niedersachsen und Hamburg. Nach schweisstreibenden Kilometern erreichten wir unsere Gastgeber Dietmar und Silke in Wechold. Die Beiden verwöhnten uns mit köstlichen Grilladen und Salaten.

Fabians Eltern, Lilo und Peter, besuchten uns für die nächsten knapp zwei Wochen und hatten sogar ihre eigenen Fahrräder dabei. Nach einem grosszügigen Frühstück mit vielen selbstgemachten Marmeladen starteten wir unsere Regionaltour durch Wechold: Mit dem Fahrrad fuhren wir zu sechst zum Mittelpunkt Niedersachsens, dem geographischen Highlight und schlossen unsere Regionaltour mit einer Abkühlung im nahe gelegenen See ab. Bei einer interessanten Stadtführung durch Bremen zeigten uns Dietmar und Silke unter anderem die Bremer Stadtmusikanten. Besonders hat uns die Altstadt Bremens gefallen; viele schöne Ecken auf relativ kleiner Fläche laden zum Verweilen ein. Am Abend genossen wir die sommerliche Atmosphäre an der «Breminale», ein Musikfest an der Weser.

Wir verabschiedeten uns von unseren tollen Gastgebern Silke und Dietmar. Die Gastfreundschaft die wir bis zu diesem Zeitpunkt von verschiedensten Leuten erleben durften ist unbeschreiblich. Meistens luden uns wildfremde Leute zu sich nach Hause ein, nachdem wir über das Internet Kontakt aufgenommen hatten. Es ist wirklich schön wie viele liebenswerte und grosszügige Menschen wir durch diese Reise bereits kennenlernen durften.

In Oldenburg angekommen, liefen wir durch eine der ältesten Fussgängerzonen Deutschlands und genossen ein leckeres Eis in der Innenstadt. Auf der Suche nach einer Abkühlung, sahen wir einen See auf der Karte und steuerten diesen an. Nach dem Einrichten des Nachtlagers im nahegelegenen Wald, gönnten wir uns eine Erfrischung im See. Das Abendessen haben wir meistens im Lidl gekauft, da wir die Produkte bereits kannten und es preislich am besten zu unserem Budget passte. Die Preise in den Discountern, unserer bevorzugten Einkaufsoption, sind in Deutschland extrem niedrig und schonten unser Budget beträchtlich. Speziell nach den eher teureren Ländern des Nordens, gönnten wir uns vermehrt ein Bier oder eine Mahlzeit in einem Restaurant oder einer Imbissbude.

Nach einigen Kilometer pedalten wir durch Jever. Diese Stadt ist bekannt durch seine Brauerei. An einem kleinen See kühlten wir uns ab und genossen die Mittagspause im Schatten einiger Bäume. Nach einem netten Gespräch mit interessierten lokalen Touristen näherten wir uns langsam dem Wattenmeer und dem schützenden Nordseedeich. An einem Campingplatz, direkt am Wattenmeer, trafen wir Fabians Eltern, seine Schwester und ihren Mann wieder. Wir genossen den geselligen, gemeinsamen Abend bei gutem Essen. In der Dunkelheit bestaunten wir zusammen den Blutmond am Nachthimmel.

Am gewittrigen und erstmal mit Niederschlag geprägten Tag, erkundeten wir das Wattenmeer und erholten uns von der Hitze der letzten Tage. Bei Ebbe liefen wir weit hinaus ins Wattenmeer und entdeckten viele Krebse und kleine Inseln aus schwarzgefärbtem Sand. Nach einer Schlammschlacht und dem Herumrennen, sahen wir alle aus, als ob wir in einer Kohlengrube gearbeitet hätten und benötigten dringend eine Dusche.

Zu unserer Freude begleiteten uns Fabians Eltern am Morgen mit dem Fahrrad. Lilos Fahrrad, ausgestattet mit einem Elektroantrieb, kam ab und zu an seine Grenzen, wenn wir mit voller Kraft in die Pedale traten. Bei den wenigen Hügeln allerdings, mussten wir schwitzend zugeben, dass wir auf längere Zeit keine Chance gegen den modernen Antrieb haben. In Deutschland genossen wir die vielen Besuche von Freunden und Familie. Ausserdem lagen viele schöne und grosse Städte bewusst auf unserer Route durch den nördlichen Nachbarn der Schweiz. Aus diesem Grund legten wir die meisten Pausentage in Städten ein und schliefen weniger in der Wildnis als noch in Schweden oder Norwegen.

Nach einer Mittagspause in Emden, der Heimatstadt Ottos, pedalten weiter in Richtung deutsch-niederländische Grenze, entlang der Ems. Somit fuhren wir zum ersten Mal zu viert in ein Neues Land und verliessen Deutschland nach knapp drei Wochen in Richtung der Niederlande.