Garden Route – Kapstadt

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12. Juni – 17. Juni 2024:

Nach dem Frühstück fuhren wir in etwas mehr als einer Stunde zurück zu unseren Fahrrädern, welche wir auf einem Bauernhof deponiert hatten. Der Bauer erzählte uns, dass er insgesamt 1500 Schafe besitzt und unter anderem Raps anbaut. Zuerst pedalierten wir etwa zwei Kilometer zurück zur asphaltierten Hauptstrasse und danach weiter in Richtung Süden. Bei starkem Seitenwind mussten wir die Fahrradlenker bei vorbeifahrenden Lastwagen gut halten, damit wir nicht von der Strasse kamen.

Zum ersten Mal sahen wir einen grösseren Windpark und überall riesige Bauernbetriebe mit gelb leuchtenden Rapsfeldern. In Bedardsdorp legten wir eine Pause ein, bevor es auf einer schnurgeraden und viel flacheren Strasse weiter ging. Bereits 30 km vor der Küste hatten wir die Meeresbrise in den Nasen.

Unterdessen bekamen Lilo und Peter einen Anruf der Autovermietung, dass sie ihr Auto zum Flughafen in Kapstadt (über 300 km entfernt) bringen sollten. Die Autovermietung hatte anscheinend ihr Auto verkauft. Sie weigerten sich logischerweise und sagten der Autovermietung sie sollten das Auto an ihrem aktuellen Standort austauschen. Ein paar Minuten später stellte sich die ganze Aktion als Irrtum heraus, da es sich um ein anderes Auto handelte.

Während der letzten Stunde zum Südkap fuhren wir permanent an überfluteten Wiesen vorbei, welche immer noch vom Starkregen der letzten Woche überschwemmt waren. Plötzlich kam ein Schild, welches uns symbolisierte, dass es nur noch etwa 10 km bis zu unserem offiziellen Ziel des Projekts war. Wir genossen die letzten Kilometer entlang der Küste und trotz des starken Windes reflektieren wir einige der herausragendsten Momente der langen Reise. In L’Agulhas, dem südlichsten Dorf Afrikas, trafen wir Fabians Eltern und fuhren gemeinsam zum südlichsten Punkt, wo sich der indische und der atlantische Ozean treffen. Es war ein spezielles Gefühl nach etwa 2.5 Jahren, 38’000 km und 38 Ländern an diesem Punkt anzukommen und auf das Geleistete anzustossen. Natürlich waren wir stolz auf unsere Leistung, doch wirklich realisieren werden wir das Ganze wohl erst in ein paar Tagen oder sogar Wochen.

Unser Projektziel war zwar erreicht, doch wir wollten trotzdem noch bis Kapstadt weiterradeln. Auf den restlichen ca. 350 km erwarteten uns noch einige landschaftliche und animalische Highlights, bevor wir die Fahrräder definitiv planen einzupacken.

So verliessen wir das Südkap wieder in Richtung Norden. Aufgrund der grossflächigen Überschwemmungen war unsere ursprünglich geplante Strasse gesperrt. So mussten wir etwas mehr als 30 km zurückfahren, bevor wir in Richtung Westen abzweigen konnten.

Der Wind hatte nachgelassen und so kamen wir bei strahlendem Sonnenschein gut vorwärts. Die Strasse wies sehr wenig Verkehr auf, aber war in einem guten Zustand. Wir waren froh, nicht mehr auf der Nationalstrasse N2 unterwegs zu sein, da dort das Verkehrsaufkommen viel höher war. Die Garden Route führt auf dieser N2 von Port Elizabeth nach Mossel Bay. Wir hatten viel Positives über diese Strecke gehört, aber fanden die Landschaft überhaupt nicht spektakulär. Vermutlich gefallen vielen Touristen die moderne Infrastruktur und die möglichen Aktivitäten in der näheren Umgebung.

Etwa 15 km vor dem Erreichen unseres Tageszieles, riss das Schaltkabel an Fabians Fahrrad. Bereits in George musste er das andere Schaltkabel ersetzen und nun konnte er schon wieder nicht schalten. Leider hatten wir kein Ersatzkabel mehr und er musste sich für einen Gang entscheiden. So fixierte er einen Gang in der Mitte der Kassette, um wenigstens noch den verbleibenden Anstieg einigermassen fahren zu können. Somit erreichten wir Gaansbai und fanden mit einer kurzen Google-Suche einen Fahrradmechaniker in der Nähe unserer Unterkunft. Der Laden war bereits geschlossen, aber immerhin sah es durch die Fenster nach einem Glückstreffer aus.

Fabian brachte sein Fahrrad vor dem Frühstück zum Mechaniker und dieser konnte prompt das gerissene Schaltkabel ersetzen. Nach dem Frühstück mit leckerem Brot war das Rad fahrbereit. Zu Beginn war der Himmel bedeckt bzw. die Gegend nebelverhangen. Nach einer 20 km langen Baustelle und einer moderaten Steigung, setzte sich die Sonne durch und wir konnten uns der Jacke entledigen.

In der zweiten Tageshälfte wechselte die Landschaft und die Strasse war plötzlich zwischen einer relativ hohen Bergkette und dem Ozean. Ab und zu kamen kleine Orte und diese spannende Landschaft war eine schöne Abwechslung. Eigentlich hatten wir uns die Garden Route so vorgestellt.

Hermanus ist bekannt für Bootstouren, um Wale zu sehen. Die beste Zeit ist im August, wenn die Wale sogar von der Küste zu sehen sind. Diese Stadt ist voller Ferienhäuser. Dieses Ausmass an Kapital der Oberschicht hatten wir bisher nirgends in Afrika gesehen. Die Schere zwischen arm und reich ist in Südafrika besonders gross und von der grosser Wirtschaftsleistung profitieren leider nur wenige. Südafrika hat die zweitgrösste Volkswirtschaft Afrikas nach Nigeria. Südafrika gehört als einziger afrikanischer Staat zu den G20-Wirtschaftsmächten und wird zu den BRICS-Staaten gezählt.

In Betty’s Bay duschten wir uns in der gebuchten Unterkunft und besuchten direkt danach die Brillenpinguine am Stony Point. An diesem Strand sahen wir aus nächster Nähe Dutzende dieser 60-70 cm grossen Vögel, welche aus dem Meer zu ihren Nestern watschelten. Es war amüsant diesen exzellenten Schwimmern zuzusehen, wie schwer sie sich taten an Land vorwärts zu kommen. Die Brillenpinguine sind durch die Fischerei stark gefährdet und sind die einzigen in freier Wildbahn lebenden Pinguine Afrikas.

Die kurvige und hüglige Küstenstrasse, welche am nächsten Morgen während den ersten 30 km folgte,  war definitiv eines unserer Highlights in Südafrika. Wir hatten einen stetigen Blick auf den schäumenden Ozean, das Kap der Guten Hoffnung war weit weg zu sehen und steile Flanken umgaben uns auf der Landseite. Nicht einmal wiederkehrende Baustellen und ein grosses Verkehrsaufkommen konnten uns diesen Anblick verderben.

Danach wurde die Landschaft flacher und wir kamen immer näher an die Agglomeration von Kapstadt. Es folgten mehrspurige Hauptstrassen und dicht besiedelte Quartiere. Der Wind war stets präsent und stark. Einmal von vorne, von der Seite oder von hinten beeinflusste er unser Vorwärtskommen.

Kurz bevor wir die sandige Küste erreichten, fuhren wir entlang des riesigen Townships Khayelitsha. Als Township bezeichnet man im südlichen Afrika eine stadtplanerische Territorialeinheit, die abseits der von europäischen Einwanderern errichteten und dominierten Kernstädte von diesen geplant und entwickelt wurden. In Khayelitsha leben momentan etwa 1’000’000 Menschen, davon fast alles Schwarze. Ironischerweise war neben dem Township eine Kläranlage und so roch es auch. Dieser Teil der Bevölkerung wohnt in Blechhütten, zum Teil ohne Strom und richtige sanitäre Anlagen.

Mit starkem Seitenwind fuhren wir am False Bay vorbei und genossen die Aussicht auf die schöne Küstenlinie. Vor Muizenberg überholten uns Peter und Lilo und kurz darauf stärkten wir uns gemeinsam in einem Restaurant. Immer wieder fällt uns auf, wie der grosse Teil der Gäste in den meisten «gehobenen» Restaurants Weisse sind und die Angestellten Schwarze. Für Südafrikaner/innen ist dies wahrscheinlich völlig normal, aber für uns ist dies ungewohnt und beschäftigt uns täglich.

Anstatt mit den Fahrrädern zum Kap der Guten Hoffnung zu radeln, entschieden wir uns einen Pausentag einzuziehen und mit dem Auto einen Tagesausflug zu unternehmen. Schliesslich waren wir in den letzten Tagen und Wochen genügend auf dem Zweirad unterwegs.

Zuerst fuhren wir entlang der wilden Steilküste, bis wir den Eingang des Nationalparks erreichten. Die Region um das Kap der Guten Hoffnung gehört zum Tafelberg Nationalpark und ist UNESCO-Welterbe. Ausländer müssen umgerechnet 20 CHF pro Person abdrücken. Zuerst fuhren wir zu unserem zweiten Kap auf dieser Reise und schossen ein obligates Bild mit dem Schild. Viele Touristen meinen dieser Punkt sei der südlichste des Kontinents, allerdings ist es der südwestlichste Punkt. Danach fuhren wir entlang einer typischen Fynbos-Landschaft bis zum Cape Point, wo es sogar eine Standseilbahn für einen winzigen Aufstieg gibt. Am Südende der Kap-Halbinsel stehen ein alter Leuchtturm und ein tiefer gelegener neuerer Leuchtturm. Vom Aussichtspunkt am Ende der Standseilbahn genossen wir den Panoramablick auf das Meer und die Halbinsel.

Von dort fuhren wir nach Simons Town, wo wir uns etwas Süsses, einen Kaffee und später Craft-Biere mit Tacos einverleibten. Gesättigt und erschöpft entspannten wir am Nachmittag in unserer Unterkunft mit perfektem Meeresblick.

Die letzte, wenn auch kurze Etappe erwartete uns. Das Ziel war Kapstadt. Wahrscheinlich haben wir mehreren hundert Leuten seit dem Beginn der Reise diese Stadt als Ziel genannt, da praktisch alle Afrikaner/innen Kapstadt kennen.

Gleich zu Beginn ging es über 100 Höhenmeter hoch, bevor die Strasse zum Chapman’s Peak Drive begann. Diese 9 km lange Küstenstrasse schlängelt sich in 114 Kurven unmittelbar zwischen Meer und steilen Felswänden entlang in Richtung Kapstadt. Aufgrund der hohen Sanierungskosten des Streckenabschnitts, müssen motorisierte Verkehrsteilnehmer eine kleine Gebühr zahlen.

Trotz des zeitweise extrem starken Windes, konnten wir die imposante Küstenkulisse geniessen und näherten uns der zweitgrössten Metropolregion Südafrikas. Nach zwei weiteren Anstiegen folgte bereits die Abfahrt ins Zentrum des 430’000 Einwohner zählenden Stadtkerns. Leider blieb uns der Blick auf die imposanten Bergkette der Zwölf Apostel aufgrund aufziehender, dunkler Wolken verwehrt. Mit viel Geschwindigkeit erreichten wir unsere Unterkunft für die nächsten Nächte, bis wir Afrika wieder verlassen werden. Somit hatten wir die gesamte geplante Strecke mit dem Fahrrad zurückgelegt und konnten unsere volle Aufmerksamkeit der Besichtigung von Kapstadt widmen. Auf den unfallfreien und erfolgreichen Abschluss unseres riesigen Projektes haben wir zusammen an der Waterfront angestossen.

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