Lesotho

19. – 28. Mai 2024:

Einreisestempel von den wie Inuits eingepackten Grenzbeamten. Zusätzlich mussten wir je 100 Rand für eine Tourismusgebühr bezahlen, welche seit anfangs April dieses Jahres eingeführt wurde. Wenige hundert Meter entfernt, liegt die höchste Bar Afrikas. Natürlich statteten wir dieser einen Besuch ab und tranken unser erstes Bier aus Lesotho.

Danach fuhren wir noch einige Kilometer durch die surreale Mondlandschaft. Interessanterweise sieht die Landschaft in Lesotho direkt nach der Grenze ganz anders aus als noch in Südafrika. Man könnte meinen, in einer Steinwüste gelandet zu sein. Zusätzlich befanden wir uns auf einer Hochebene und es hatte wenige verlassene Häuser und ein paar Hirten neben der Strasse. Im ersten Dorf fragten wir einige Frauen, ob wir neben ihrer Rundhütte unser Zelt aufstellen können. Dies war kein Problem und wir wurden sogar noch in die mit Kuhdung beheizte Hütte zum Abendessen eingeladen. Draussen war es bereits bitterkalt. Wenig später kam noch der Ehemann nach Hause, der gerade ein Schaf geschlachtet hatte und man konnte noch Blut unter seinen Fingernägeln sehen. Heute überquerten wir den höchsten Pass seit dem Start unserer Reise am Nordkap, schliefen so hoch wie noch nie (2800m) und tranken ein Bier in der höchsten Bar des Kontinents.

Die Nacht war so kalt, dass das Wasser in unseren Flaschen am Morgen komplett gefroren war. Zum Glück konnten wir uns in der warmen Hütte aufwärmen, bevor unser Tag richtig startete. Zum Frühstück kochte Vitalin heisses Wasser für Tee und bot uns ihr selbstgebackenes Brot an. Dieses war viel besser als der schlabbrige Toast den wir fast täglich seit Namibia assen.

Danach packten wir unsere Rucksäcke und liefen los in Richtung des höchsten Berges in Lesotho. Der Weg führte uns zuerst in ein Tal, in welchem noch einige winzige Hütten standen. Danach überquerten wir einen steinigen Pass und liefen auf der anderen Seite runter zu einem Bach. Von dort waren es nochmals ein paar Kilometer und etwa 400 Höhenmeter bis zum Gipfel des Thabana Ntlenyana (3482m). Die Wanderung auf den Gipfel ist wirklich nicht anspruchsvoll und der Gipfelaufbau überhaupt nicht imposant, aber für uns war es trotzdem spannend diese trostlose Berggegend zu Fuss zu erkunden. Somit befanden wir uns auf dem höchsten Gipfel im südlichen Afrika und dem höchsten Berg südlich vom Mount Meru, welcher sich ein wenig südlich vom Kilimandscharo befindet. Auf dem Rückweg waren wir ein wenig schneller und staunten über die monotone und karge Landschaft um uns herum. Nach nicht ganz sechs Stunden und etwa 22 km waren wir wieder zurück bei unseren Fahrrädern.

Vor der Verabschiedung von Vitalin, zeigte sie uns ihre selbst hergestellten Souvenirs. Die traditionellen Hüte, Ohrringe oder Topfuntersätze verkauft die Geschäftsfrau den Touristen. Danach fuhren wir weiter und nach weniger als einem Kilometer erwartete uns ein Bergpass. Auf etwa 6 km gewannen wir über 400 Höhenmeter. Wir konnten die steilen Passagen gerade noch fahrend meistern, indem wir zickzack hochfuhren. Auf dem höchsten asphaltieren Pass in Lesotho auf 3240 m, zogen wir Jacken und Handschuhe an für die lange Abfahrt. Die andere Seite des Passes war nicht weniger steil und immer wieder waren Schafe auf der Strasse, welche unberechenbar auf unsere Durchfahrt reagierten.

Zum ersten Mal fuhren wir mit langen Hosen, mehreren Jacken und Handschuhen los. Diese Kleider schleppten wir seit Windhuk mit, aber hatten diese bisher nie gebraucht. Innerhalb einer Stunde heizte die Sonne so fest ein, dass wir auf kurz-kurz umstellten. Nach nicht einmal 10 km bogen wir auf eine Schotterstrasse ab. Erstaunlicherweise hatte es auf dieser holprigen Strasse mehr Verkehr als auf der neu asphaltierten Strasse, wo wir mehr Männer auf Pferden gesehen hatten als Autos.

Die Schotterstrasse führte uns von 2100 m wieder auf über 3000 m zum nächsten Pass. Vor dem steilen Schlussaufstieg assen wir Brot mit Bohnen aus der Dose. Die jungen Frauen, welche uns die Nahrungsmittel verkauften, freuten sich über unseren Besuch.

Die Abfahrt vom Pass war wiederum sehr steil und wir mussten aufpassen, dass wir nicht stürzten. Dafür wurden wir mit einer phantastischen Weitsicht auf die Täler und Dörfer unter uns belohnt. Bereits nach zwei Tagen in Lesotho wussten wir, wieso das Land auch Königreich im Himmel genannt wird . Es ist das einzige unabhängige Land der Erde, wo das gesamte Staatsgebiet auf über 1000 m und zusätzlich etwa 80% der Landesfläche über 1800 m liegt.

Die Bergdörfer sind mit schönen Hütten gespickt, jedoch leben die Menschen in einfachen Verhältnissen ohne Elektrizität und fliessendes Wasser. Die Mehrheit der Bergbevölkerung lebt von der Landwirtschaft.

Auf dem Weg zur Schule liefen mehrere Gruppen Kinder an unserem Zeltplatz mit perfekter Weitsicht vorbei. Sie grüssten freundlich, blieben einen Moment stehen und setzten danach ihren einstündigen Schulweg fort. Gleich zu Beginn des Tages führte uns die Strasse in das nächste Tal. Wir waren wieder dick eingepackt, jedoch wenig später mussten wir alles abziehen, da es wieder hoch ging und die Sonne voll auf uns niederschien. Die Temperaturunterschiede  innerhalb eines Tages können mehr als 30 Grad betragen.

Im ersten Restaurant seit der Grenze, bekamen wir Maisbrei, Hühnchen und Kohl. Die Preise sind wieder einiges höher verglichen mit Südafrika, da alles aus dem Nachbarland importiert wird. Die kleinen Shops haben ein erstaunlich grosses Angebot im Vergleich zu Mosambik.

Aufgrund der schlängelnden Form eines Flusses, machte die Strasse einen Umweg, bevor wir ihn überquerten. Uns imponieren die naturbelassenen Flussläufe, da wir uns das aus Europa nicht gewohnt sind. Danach gewannen wir 500 Höhenmeter innerhalb von 7 km und so akkumulierten wir bereits wieder über 1000 Höhenmeter in etwa 40 km.

Während einer Pause kamen wir mit einem Entwicklungshelfer der Regierung ins Gespräch, welcher Leute in den Dörfern mit Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung unterstützt. Anscheinend haben viele Familien nicht genügend Lebensmittel zur Verfügung. Ausserdem liegen die HIV-Infektionen nach Eswatini und Botswana auf dem dritthöchsten Stand weltweit mit über 20%.

So früh wie selten, suchten wir einen Übernachtungsplatz neben einem Bach und konnten uns so waschen. Bis zum Sonnenuntergang kamen viele Hirten mit Schafen, Kühen und Pferden vorbei. Momentan sammeln die Leute die Überreste der Maispflanzen mit Fuhrwerken ein, damit diese im Winter als Tierfutter verwendet werden können.

Die vorläufig letzten 15 Kilometer auf Schotter waren nochmals anspruchsvoll, da die Strassenqualität schlechter wurde. Mit Thaba-Tseka erreichten wir die erste Stadt in Lesotho. Dort legten wir eine Pause ein und kauften eine SIM-Karte. Nach einer Stärkung und dem Aufladen unserer Elektronik in einem schön eingerichteten Restaurant, wartete der nächste Bergpass auf uns. Dank der qualitativ hochstehenden Asphaltstrasse erreichten wir den Pass auf fast 2900 m leichter als die Pässe der letzten Tage. Nach der Passhöhe folgte die Strasse noch einige Kilometer dem Bergkamm, bevor eine steile und imposante Abfahrt wartete.

Zur Abwechslung genossen wir die Abfahrt, da uns danach nicht die Finger schmerzten vom Bremsen, wie auf den Schotterstrassen.

Viele Leute in Lesotho sprechen kaum Englisch, obwohl es eine offizielle Amtssprache ist. Dafür sprechen fast alle Einwohner Sesotho, die zweite Amtssprache, da sie dem Volk der Basotho angehören. Lesotho ist eines der wenigen Länder Afrikas mit einem homogenen Staatsvolk mit einer gemeinsamen Kultur, Identität und Tradition.

Nach einer kalten Nacht mit Frost, hatten wir während der ersten Stunde eisgekühltes Wasser. Was für ein Luxus! Der Tag startete, wie konnte es anders sein, mit einem Pass. Nach einer steilen Abfahrt, folgte der nächste lange Anstieg. Nach der zweiten Abfahrt  neben einer tiefen Schlucht, erreichten wir erst zum zweiten Mal eine Höhe unter 2000 m.

Jedes nicht allzu steile Stück Land wird genutzt für den Maisanbau. Überall sieht man die gelbgefärbten Terrassen der Kleinbauern. Regelmässig sehen wir junge Männer mit ihren Tieren in den entlegendsten Gegenden des Landes. Sie tragen kaputte Kleider, eine Decke als Umhang, Gummistiefel, Schmuck und eine Sturmmaske. Oft werden wir gefragt, ob wir ihnen Geld, Essen oder Süsses schenken können. Die Arbeitslosigkeit ist mit 45% eine der höchsten weltweit. Viele Männer arbeiteten früher in den Minen Südafrikas, aber wegen der Schliessung haben viele keinen Job mehr seither. Darum ist die Landwirtschaft weiterhin die häufigste Beschäftigung in den abgelegenen Bergregionen.

Während wir durch ein kleines Dorf fuhren, sahen wir einen Stausee in der Ferne. Die anliegenden Regionen können vom produzierten Strom profitieren. Der Grossteil wird jedoch nach Südafrika exportiert, da dort die Nachfrage um ein Vielfaches grösser ist. Ausserdem führen dicke Wasserleitungen von den Stauseen beispielsweise ins mehrere hundert Kilometer entfernte Johannesburg.

Kurz bevor wir einen kleinen Imbiss betraten, wurde Adrian von zwei 15-jährigen Schülern angesprochen. Sie brauchten Hilfe bei den Hausaufgaben. Als er ihnen erzählte, dass er am Gymnasium Chemie unterrichtet, nahmen sie prompt ein passendes Aufgabenblatt hervor. Sie freuten sich über die Hilfe und stellten zusätzlich weitere interessante Fragen, wie beispielweise: «Wie könnte eine Person in Lesotho ohne Schulbildung und finanzielle Mittel ihre Zukunft gestalten bzw. die Schulgebühren der Kinder bezahlen?» Unglaublich, oder?

Aufgrund der Ausrichtung unseres Übernachtungsplatzes, wurden wir wiedermal von der Sonne geweckt. Seit über einer Woche haben wir kaum Wolken gesehen. Bei durchschnittlich 300 Sonnentagen ist dies in Lesotho allerdings nicht überraschend.

Nachdem wir wieder zwei Pässe auf über 2000 m überquert hatten, konnten wir eine lange Abfahrt auf eine Hochebene geniessen. Auf dem Weg sahen wir eine Situation, welche man nicht mehr an vielen Orten der Welt sehen kann. Ein Mann auf seinem Pferd führte am Strassenrand ein Gespräch mit einem Mann am Steuer seines Kleinwagens.

Die letzten Tage waren wir praktisch alleine auf den grosszügigen Asphalt- oder Schotterstrassen. Meistens begegneten uns weniger als 10 Fahrzeuge pro Stunde. Viele Strassen im Land wurden nur asphaltiert für den Bau der Staudämme. Die meisten der 2.3 Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt Maseru oder auf der Hochebene im Westen des Landes. Lesotho ist etwa so gross wie Belgien.

Nach der langen Abfahrt wurde die Landschaft viel flacher, der Verkehr und die Bevölkerungsdichte nahmen zu.

Nach den anstrengenden Tagen in den Bergen, stand wiedermal ein Erholungstag auf unserem Programm. Dazu mussten wir noch ungefähr 45 km bis nach Mafeteng fahren. Die Landschaft war zwar flacher, aber trotzdem ging es immer wieder hoch und runter. Wahrscheinlich lag es am Sonntag, denn es waren nicht viele Menschen unterwegs. Einige Kinder winkten uns zu oder riefen «sweets, some sweets». Diese Rufe starteten bereits kurz nach der Einreise in das Bergland, sind aber meistens gar nicht Bettelrufe. Viele Kinder oder Erwachsene wissen gar nicht was diese Worte bedeuten und plappern diese einfach nach.

Nebst vielen Kühen, Schafen und Pferden, sehen wir auch immer wieder Herden von verschiedenen Ziegen. Lesotho hat die zweitgrösste Produktion von Mohair (Haare der Angoraziege), welche beispielweise für Skifelle verwendet werden.

In der Stadt angekommen, fanden wir einen Imbiss wo wir uns stärkten. Nebenan befand sich eine Bar und viele junge Männer betranken sich mit Bier oder Billigwein aus Südafrika. Kurz darauf trafen wir Grithth an der Hauptstrasse, welcher uns den Weg zu seinem Haus zeigte. Sein Bruder Thsepo ist passionierter Fahrradfahrer und hat ein Profil bei Warmshowers. Aktuell ist er jedoch selbst auf dem Weg in die USA für eine Radtour. Ausserdem sensibilisiert er Jugendliche für den Radsport und macht wichtige Aufklärungsarbeit zum Thema HIV.

Die Familie empfing uns herzlich und bemühte sich für eine warme Dusche. Der Boiler funktionierte nicht, darum wurden ein paar Liter Wasser in der Küche erhitzt. So konnten wir ebenfalls unsere Kleider waschen. Zum Abendessen wurden wir von der Mutter mit einem abwechslungsreichen Gericht verwöhnt. Mit viel digitalem Aufwand konnten wir sogar einen Grossteil des Finalspiels Schweiz gegen Tschechien der Eishockey Weltmeisterschafts verfolgen. Leider klappte es wie bereits 2018 nicht mit dem Titel als wir das Finalspiel ebenfalls im Zelt, damals in Norwegen, schauten.

Zusammen mit Grithth fuhren wir ins Zentrum der Kleinstadt, um Proviant für die Weiterreise zu besorgen und ein öffentliches Wifi zu finden. Im KFC bekamen wir pro Gerät 400 MB, was für die Aktualisierung des Blogs reichte. Danach besuchten wir die Mutter von Grithth, welche in einem Restaurant arbeitet. Nach einem leckeren Mittagessen nahmen wir wieder ein Taxi zurück zum Haus der Familie, um den Rest des Tages zu entspannen.

Beim Abendessen führten wir interessante Gespräche. Der Vater der Familie erlebte sogar die Unabhängigkeit Lesothos 1966. Seit dieser Zeit hat sich viel getan im kleinen, von Südafrika ummantelten Staat. Lesotho ist ein Königreich und hiess von 1868-1966 Basutoland. Seit 1966 ist das Land unabhängig vom Vereinigten Königreich, aber noch Mitglied im Commonwealth.

Für die Morgentoilette musste Fabian das Schloss unserer Türe aufschrauben, da die Türklinke nicht mehr funktionierte. Nach der Verabschiedung der gastfreundlichen und aufgestellten Familie, begleitete uns Grithth noch bis wir aus der Stadt waren.

Wir entschieden uns die ursprünglich geplante Route so abzuändern, dass wir früher über die Grenze nach Südafrika fuhren. So sparten wir uns einige hundert Höhenmeter und kürzten die Strecke ein wenig ab. Nach etwas mehr als 10 km bogen wir auf eine Schotterstrasse ab, um die letzten 6 km bis zur Grenze zurückzulegen. Die Schotterstrasse war in einem schlechteren Zustand als erwartet. Trotzdem erreichten wir die Grenze und die freundlichen Beamten stempelten unsere Pässe im Nu.

Mit über 8000 Höhenmeter in nur acht Tagen gehört Lesotho definitiv zu den hügligsten Ländern auf unserer Reise. Uns gefiel der wilde, bergige Charakter des Landes. Die ruhigen, meist asphaltierten Strassen sind ideal für Radfahrer und die Landschaft ist einzigartig und teilweise atemberaubend. Die Menschen sind sehr interessiert und immer offen für ein Gespräch. Es war auch schön zu sehen, dass es im südlichen Afrika noch ein Land mit so viel Ursprünglichkeit und wilder Natur gibt.