Monrovia – Nordliberia

(Last Updated On: August 2, 2019)

2. Juli – 10. Juli 2019:

Glücklicherweise im Trockenen verliessen wir Monrovia und somit unsere Luxusunterkunft. Bald erreichten wir den einzigen (und winzigen) internationalen Flughafen des Landes. Kurz darauf fuhren wir durch die Firestone Plantage. Diese Plantage wurde im Jahre 1926 gegründet und war damals die grösste Kautschukplantage der Welt. Die für die Reifenherstellung bekannte amerikanische Firma Firestone kaufte damals 4047 Millionen m2 Land für lächerliche 0.000015 USD pro m2. Dies erzeugt einen Arbeitsplatz für 20’000 Liberianer (10% der Arbeiter des Landes). Liberia wurde darum als Firestone Republik bezeichnet. Leider kam die Produktion während des Krieges zum Stehen und ist darum heute auf einem niedrigeren Produktionsniveau.

Es war definitiv eindrücklich durch die unendlich scheinenden Kautschukwälder zu fahren. Nur schade musste eine riesige Waldfläche für die Entstehung abgeholzt werden. Ein paar fleissige Arbeiter zeigten uns wie das gewonnene Kautschuk mit verdünnter Schwefelsäure versetzt wird, um es für den Transport zu verfestigen.

Am Abend zuvor wurden wir herzlich in einem Dorf empfangen. Der Dorfchef organisierte schnell eine Übernachtungsmöglichkeit und wir wurden wie üblich von allen Seiten angestarrt während des Einrichtens unseres Nachtlagers.

Unser Frühstück wurde von zwei Frauen frisch zubereitet, was so viel heisst wie Feuer machen, Zutaten organisieren und kochen. Noch gestern haben wir Frauen beim Dreschen des Reises beobachtet. Dabei wird in einem grossen Mörser von zwei oder drei Frauen mit grossen Holzstäben auf die Reiskörner geschlagen. Danach wird die Hülse vom Reiskorn mit einem feinmaschigen, tellerähnlichen Sieb separiert.

Traditionell haben Liberianer nur gegessen, wenn die Mahlzeit Reis enthält. Viele Leute auf dem Land essen nur eine Mahlzeit am Nachmittag als Pause von der harten Feldarbeit. Der Grund dafür ist Gewohnheit und zu wenig finanzielle Mittel für drei Mahlzeiten.

Die vor einigen Jahren von den Chinesen gebaute Strasse führte uns in hügligere und noch dünner besiedelte Gegenden. An gewissen Orten trafen wir Jugendliche, die in ihrem ganzen Leben noch nie einen Weissen vor sich hatten.

Bei einer Strassenkreuzung hielten wir, um etwas zu essen und wurden wie allzu oft von überall mit Fragen bombardiert. Natürlich finden wir das sehr interessant unsere Geschichte zu erzählen und freuen uns über das rege Interesse in Liberia. Manchmal möchten wir verständlicherweise einfach etwas in Ruhe essen und neue Kräfte sammeln. Das Interesse in Liberia ist dermassen gross aufgrund des verschwindend kleinen Anteils an Touristen und dem Traum nach Amerika auszuwandern.

Ausgerechnet bei dieser Pause verschlimmerten sich Adrians Kopfschmerzen, die er seit dem Losfahren hatte und Gliederschmerzen setzten ein. Von dieser Kreuzung fuhren wir noch eine Stunde und konnten im Büro eines netten Verkehrspolizisten übernachten. Die Fahrräder wurden direkt in die Zelle neben dem einzigen Gefangenen sicher deponiert.

Da sich Adrian am Morgen noch nicht besser fühlte, besuchten wir eine Apotheke und machten einen Malariatest. Dieser Test war eindeutig positiv und für insgesamt 4 USD konnte der Test und die nötigen Medikamente bezahlt werden. Die Medikamente muss man drei Tage in spezifischen Zeitabständen zu sich nehmen und hoffen, dass man sich danach besser fühlt. Oder wie die Liberianer sagen würden: Wenn Gott es will!

Liberia ist bisher das erste Land auf dem Afrikanischen Kontinent mit einer Mehrheit an Christen. Wir haben schon Dutzende verschiedene Kirchengruppierungen und Sekten im Land gesehen. Somit merken wir auch zum ersten Mal wenn es Sonntag ist, nämlich anhand der Dorfatmosphäre. Ausserdem finden wir kaum etwas zu essen, da bis auf wenige Ausnahmen alle Garküchen geschlossen sind.

Für unsere alltägliche Eimerdusche in einem alten, verlassenen und völlig überwucherten Gebäude ohne Dach, holten wir jeweils Wasser vom nahegelegenen Pumpbrunnen. Während des Abfüllens, beobachteten wir einmal, wie vier übergewichtige, laut lachende Frauen mittleren Alters mit der Seifenherstellung beschäftigt waren. Die weisse Masse, aus der die Seifenballen geformt werden, besteht aus gekochtem Palmöl und einer starken Lauge. Nach dem Trocknen und abkühlen sind die Seifenballen steinhart und können zum Reinigen genutzt werden. Währendem sie uns den Prozess erklärten, sammelten sich etliche Kinder um uns. Dabei waren sogar Knaben die sich aus Spass ihr halbes Gesicht mit Lippenstift geschminkt hatten und wir fingen an, die Kinder abzulichten.

In den drei Tagen in Palala City besuchten wir alle möglichen Restaurants mit verschieden stark gerosteten Wellblechdächern, wenn sie überhaupt eins hatten. Viele Dorfbewohner kannten uns bereits und es fühlte sich sehr angenehm an. Eine nette, freundliche Köchin besuchten wir mehrmals und sie war immer wieder erstaunt, wieso wir die gekochten Schweineknie nie assen und nur den Reis mit der Fleischsosse bevorzugten.

Nach drei Tagen mit teilweise starkem Fieber, fühlte sich Adrian bereits wieder fit genug, um weiterzufahren. Wir gaben dem zuvorkommenden Verkehrspolizisten, übrigens den einzigen Polizisten mit Unform den wir in dieser ganzen Zeit zu Gesicht bekommen hatten, sein Büro zurück. Das Büro hatte er, wahrscheinlich aus Respekt, kein einziges Mal betreten während unserer Anwesenheit. Wahrscheinlich hätte er in diesem Durcheinander von DVDs, Autoteilen, Kleidungsstücken, Pflanzenöl und ein paar Zetteln sowieso nichts gefunden. Wir bedankten uns herzlich für die überaus grosse Gastfreundschaft und fuhren endlich weiter.

In Ganta hörte die Asphaltstrasse auf und das liberianische Pistenabenteuer startete, obwohl uns die Polizisten versichert hatten, es wären noch die nächsten 100 km asphaltiert. Also kämpften wir uns durch die verwaschene und schlammige Strasse. Schon bald klang das Fahrrad lauter als die hupenden Motorräder und wir waren von oben bis unten voll mit braun-orangem Schlamm. Vor allem Fabian, der von einem vorbeifahrenden Auto angespritzt wurde.

Das Gästehaus einer Kautschukplantage war luxuriöser als die meisten Unterkünfte, die wir in Dörfer bisher erhielten. Am Abend gab es ausnahmsweise Elektrizität, wir konnte uns in einem geschlossenen Raum waschen und wurden der Frau vom Sicherheitsbeauftragen lecker bekocht.

Der Strassenzustand wurde immer schlimmer und der Regen stoppte ab einem gewissen Zeitpunkt gar nicht mehr. Der ereignisreiche Tag startete mit dem Reissen von Fabians Schaltkabel, welches direkt auf der schlammigen Strasse ersetzt werden musste. Langsam merkten wir, wie wir in die Regionen von Liberias Hinterland gelangten. Speziell, als wir in einem grösseren Ort keinen Imbiss mehr fanden und uns mit gegrillten Maiskolben oder Gurken zufriedengeben mussten. Bei der darauffolgenden Abfahrt rutschte Adrian das Vorderrad weg und er lag kurz darauf seitlich im Schlamm. Das ganze Dorf lachte und schrie in unsere Richtung. Nach einigen Minuten sahen wir den Alternativweg, leider zu spät!

Der Regen weichte die Strasse derart auf, dass es sich teilweise anfühlte, wie man sich auf Eis befände. Ohne weitere Stürze meisterten wir auch die vielen tiefen Wasseransammlungen, im Gegensatz zu vielen Lastwagen.

Das Frühstück war dasselbe Gericht wie am Vortag bereits das Abendessen, nur diesmal enthielt es noch Fleisch von einem nicht identifizierbareren Tier aus dem Busch. Nach längerem Nachfragen fanden wir heraus, dass es sich um den Gelbrückenducker handeln musste. Auf jeden Fall gab es dem Ganzen einen süsslichen Geschmack.

Mit wenig Motivation zogen wir die klitschnassen und mit schlammüberzogenen Schuhe an und begaben uns zurück auf Liberias Abenteurerstrassen. Wir dachten nach gestern es könnte nicht mehr viel schlimmer werden, wurden allerdings schnell eines Besseren belehrt. Wir kamen nicht weit, bis erneut der erste Lastwagen bei einer Steigung festsass und kräftige, halbnackte Jungs mit verschwitzten Körpern mit Schaufel und Pickel das Gefährt ausbuddelten. Viele Dorfbewohner sahen dem Spektakel zu und versuchten die anderen Fahrzeuge über andere Routen um das Stück mit knietiefem Schlamm zu manövrieren Wir schoben unsere Fahrräder den Hang hinunter und mussten unten angekommen erstmal einen Teil des Drecks entfernen, um überhaupt weiterfahren zu können.

Viele Autos, Lastwagen und Busse, welche wir überholt hatten, sahen wir nie mehr. Die Leute müssen eine unendliche Geduld aufbringen, wenn sie in der Regenzeit in diese abgelegenen Gegenden reisen wollen. Gewisse Wasserlöcher waren so tief, dass wir beim Durchfahren bis zum Schienbein im Wasser waren.

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