Grenze Nigeria – Zentralnigeria

(Last Updated On: November 19, 2019)

21. Oktober – 30. Oktober 2019:

Bereits in der Vorbereitung dieser Reise war Nigeria immer wieder ein beliebtes Diskussionsthema. Bis zum jetzigen Zeitpunkt waren wir nie sicher ob es möglich war nach Nigeria einzureisen. Ausserdem machten uns die Sicherheitshinweise des EDA nicht gerade Hoffnung auf eine sichere Durchreise.

An der Grenze verlief alles ziemlich reibungslos und relativ schnell durften wir ins Büro des Immigrationsverantwortlichen. Dank der Klimaanlage warteten wir frierend bei gefühlten 10°C bis die freundlichen aber eher faulen Mitarbeiter unsere Dokumente kontrollierten. Der eine Beamte durchschaute uns und warf uns vor, Touristen zu sein und gar nicht aus Geschäftsgründen nach Nigeria einzureisen. Wir konnten ihn nicht überzeugen und Jeevans Worte reichten auch nicht. Erst nachdem der lokale Manager der Firma in Lagos ihm unser inoffizielles Vorhaben erklärte, gab er nach.

Wir wussten vor Beginn, dass wir eine Eskorte von der Grenze zum knapp 100 km entfernten Flughafen in Lagos brauchten. Ein Ägypter war ebenfalls vor Ort und wir teilten uns die Kosten für den Transport des Beamten, der uns begleitete. Erstaunlicherweise konnten wir ihn sogar überzeugen, dass wir mit dem Fahrrad dem Auto folgen. Schnell merkte er wie langsam wir doch sind im Vergleich zu seinem Auto und schrie uns alle paar Minuten «schneller, schneller» aus dem Fenster zu. Nach etwa acht Kontrollposten von Polizei und Militär auf den ersten 20 km, welche unsere Pässe sehen wollten, teilte uns der Beamte mit, dass sein Auto Benzin verliert.

Bei einem weiteren Checkpoint, kontrollierten einige Militärs unsere Taschen halbpatzig und boten uns Ehefrauen im Tausch gegen unsere Fahrräder an. Da wir bereits alle unsere lokalen Scheine dem Beamten gegeben hatten, war nichts übrig um Essen zu kaufen. Nachdem wir dem Offizier unsere Vorlieben einer zukünftigen Frau mitgeteilt hatten, fragten wir ob er etwas zu essen für uns hätte. Dieser begleitete uns direkt in ein Restaurant und meinte er übernehme die Rechnung. Die Köchin und alle Leute um uns herum waren sehr erstaunt, dass wir afrikanisches Essen mögen.

Ein paar Kilometer weiter verwandelte sich die Strasse in ein Schlamm- und Geröllfeld. Autos und Motorräder kamen aus allen Richtungen entgegen und wir kamen fast nicht vom Fleck. Plötzlich sahen wir unsere Eskorte in einem neuen Auto und der neue Fahrer gestikulierte wild. Wir hielten an und der Beamte war offensichtlich sehr wütend und aufgebracht. Er schrie uns an wir sollen sofort die Fahrräder inklusive Gepäck ins Auto laden, da er keine Geduld mehr hatte uns im Schneckentempo nachzufahren.

Aufgrund seines Temperaments hatten wir keine Wahl und mussten uns geschlagen geben. Somit fuhren wir das erste und hoffentlich letzte Mal auf dieser Reise mit einem motorisierten Fahrzeug beladen mit unseren Zweirädern. Am Flughafen ging alles relativ schnell und wir bekamen endlich unser Visum und den Einreisestempel.

Glücklicherweise hatten wir durch unsere vehemente Suche nach Kontakten in Nigeria, Olabisi kennengelernt. Bei ihr durften wir so lange bleiben, bis wir bereit waren weiterzufahren.

Charles, ein Freund von Olabisi half uns eine SIM-Karte zu kaufen und währenddessen erklärte er uns die Mentalität der Nigerianer. Im Vergleich zu den vorherigen Ländern, ticken die Leute in Nigeria ein bisschen anders und darum sind solche Tipps sehr hilfreich.

Mit dem Fahrrad fuhren wir zur Insel, wo sich das Stadtzentrum von Lagos befindet. Dabei konnten wir von einer Brücke profitieren, welche im Wasser als Viadukt gebaut ist und somit nicht durch die Stadt führt. Im Stadtzentrum hat es so viel Verkehr, dass eigentlich immer Stau vorherrscht und die Strassen sind zum Teil völlig kaputt. Bei der Kamerunischen Botschaft, hatten wir Glück auf nette Leute zu treffen und innerhalb einer Stunde hatten wir unser Visum. Wenigstens war das mit 120 USD bisher teuerste Visum einfach zu kriegen.

Lagos ist eine gigantische Stadt mit viel qualmenden Verkehr, Hochhäuser und jeglichen Slums. Der Gegensatz zwischen Armut und Reichtum könnte nicht grösser sein. Mit über 22 Millionen Einwohner ist Lagos ziemlich sicher die grösste Stadt Afrikas und die Metropolregion ist einer der bevölkerungsreichsten der Welt. Mit der Unabhängigkeit Nigerias wurde Lagos im Jahre 1960 Hauptstadt. 1991 wurde Lagos von Abuja als Hauptstadt abgelöst. Lagos ist das kulturelle Zentrum des Landes und somit Produktionsort der in Westafrika sehr beliebten Nollywood Filme.

Zusammen mit Olabisi und ihrer Freundin Mercy entdeckten wir die Nachbarschaft und assen Gerichte, welche wir vorher noch nie probiert hatten.

Nicht ungern verliessen wir die laute und lebendige Grossstadt wieder und nahmen zuerst den Express-Highway in Richtung Norden. Immer wieder stand der Verkehr aus verschiedenen Gründen komplett still, obwohl eine drei- bis vierspurige Strasse zur Verfügung stand. Auf der Gegenfahrbahn lag der Verkehr ebenfalls einige Kilometer lahm und alle Motorradfahrer kamen uns plötzlich auf unserer Seite entgegen.

Als wir einen breiten Fluss überquerten, merkten wir, dass der Fluss überall über die Ufer trat und viele Blechhütten komplett überflutete. Wir sahen Menschen bis zum Kopf im Wasser, die ihr Hab und Gut in Sicherheit brachten.

Während wir im Zelt, unweit der Hauptstrasse entspannten, besuchten uns vier Einheimische aus dem nahegelegen Dorf. Zwei der Männer hatten Macheten in der Hand und wir dachten uns nicht Böses, da das völlig normal ist. Die Männer erklärten uns, dass sie nachschauen wollten wer sich hier aufhält, da immer wieder Leute aus ihrem Dorf von Banden entführt wurden. Nun wussten wir, dass dieses Mal die Macheten als Waffe dienen sollten. Beide Parteien waren erleichtert und wir legten uns ein wenig verwirrt schlafen.

Die zwei bis dreispurige Strasse war zum Teil in einem miserablen Zustand und abschnittsweise wieder top. An unzähligen Strassensperren standen Polizisten und Militaristen mit Kalaschnikows im Anschlag. Viele riefen uns irgendetwas hinterher, einige imitierten uns tanzend beim Fahrradfahren und einmal mussten wir unsere Pässe zeigen. Nur ein Polizist fragte nach Geschenken und der Rest interessierte den Ordnungshüter nicht.

Generell reifen uns die Leute witzige Dinge hinterher. Beispielsweise: «White, how far?» (Weisser, wie geht’s?) oder Chinese. Einige Male wurden wir von starkem Regen überrascht und wurden zum Teil klatschnass, wenn wir keinen Unterstand fanden.

Während einem erneuten Wolkenbruch pausierten wir mit ein paar Jungs vor einem Laden und diskutierten rege über die Unterschiede unserer beiden Länder. Sehr interessiert und aufmerksam fragten die Mitzwanziger was wir so essen, wie unser Land aussieht und wie das Wetter so ist. Einige der Jungs waren bereits verheiratet und hatten Kinder. Einen Job hatten sie jedoch nicht und verdienten ihr Geld mit Trickbetrügerei.

Die Gegend wurde zunehmend hügliger und wir sammelten ordentlich Höhenmeter. Die qualmenden, völlig überladenen Lastwagen gibt es auch in Nigeria und erhöhen unser Krebsrisiko bei jedem Überholmanöver.

Vor einer Abfahrt bemerkte Fabian eine Sandale auf der Strasse und ein Motorrad im Busch. Nach genauerem Hinschauen sah er den Fahrer im Busch, der den Sturz mit einer Schürfwunde überstand.

Nach einer Nacht in einem verlassenen Haus, versammelten sich immer mehr Leute um uns herum, die auf dem Weg nach Lagos waren. Ihr Bus hatte eine Panne, also beobachteten sie die Weissen. Schnell war das Thema bei Religion. Die einer internationalen Sekte angehörige Truppe war von Adrians Antwort, keiner Religion anzugehören, wenig begeistert. Trotz allem wollten sie unbedingt mit uns Beten und wir gaben nach, da wir schliesslich Gäste in ihrem Land sind und keine unnötigen Diskussionen provozieren wollten.

In einem Restaurant wurden wir von zwei Jungs bedient, die jeweils am Wochenende und nach der Schule im Restaurant der Eltern aushelfen. Geschickt servierten sie uns das Essen und das dazugehörige Wasser im Plastikbeutel. In den allermeisten Orten in Nigeria tranken bisher nicht mal die Einheimischen das Brunnenwasser. Somit waren wir gezwungen das Wasser aus den Plastikbeuteln zu trinken.

Bei den vielen Militärkontrollposten bekommen wir meistens so viel Wasser wie wir wollen und haben so auch was von der Kontrolle. Ein Checkpoint war besonders lustig, da der Boss auf einer Matratze lag und wie ein König Wasser und Snacks um sich bunkerte. Unsere Annahme war, dass alle Frauen die um den Checkpoint etwas verkaufen wollten, ihm eine Art Steuer bezahlen mussten.

Wir befanden uns in unserem Zelt, einige hundert Meter von der Hauptstrasse, neben einem kleinen Weg. Nachdem wir unser Schlafplatz eingerichtet hatten, fuhr ein junger Mann mit dem Motorrad vorbei, grüsste uns und wir erklärten ihm, dass wir eine Nacht hierbleiben möchten. Er meinte das sei kein Problem und zog davon. Ein paar Minuten später sahen wir einen Hirten mit einigen Kühen, sonst war die Gegend sehr ruhig und wir konnten uns gut von den Strapazen des Tages erholen.

Kaum hatten wir einen Spielfilm auf unserem Laptop gestartet, kamen fünf Männer aus dem Dunkeln mit Taschenlampen und schrien laut um sich. Schnell realisieren wir, dass die Situation ernst war und wir vorsichtig sein mussten. Alles ging ganz schnell: Ein Schuss wurde abgefeuert, die Männer versammelten sich um unser Zelt und fuchtelten mit ihren Gewehren und Macheten um sich. Auf der einen Seite zerstörten sie das Moskitonetz am Zelteingang mit der Machete, um Adrian aus dem Zelt zu zerren. Kaum draussen, feuerte der Anführer den nächsten Warnschuss in die Luft, direkt neben Adrians Ohr, der für den Moment gar nichts mehr hören konnte!

Die Männer drückten uns zu Boden und durchsuchten unser Zelt. Währenddessen kassierte Fabian eine Ohrfeige, da er den Befehl des einen Mannes nicht gleich befolgte. Sie durchsuchten unser gesamtes Material auf Wertgegenstände, während sie uns ausserhalb des Zeltes festhielten. Sie fanden zwar das Geld nicht, aber dafür alle elektronischen Gegenstände. Immer wieder sagten sie uns wir sollten still sein, sonst würden sie uns töten!

Die Männer waren komplett besoffen und so ging das Geschrei hin und her. Schnell bemerkten wir, dass sie selber nicht so genau wussten was sie wollten. Wiederholt fragten sie uns, wieso wir nicht im Hotel übernachten. Wir erklärten wieso, aber es schien ihnen nicht einzuleuchten. Komischerweise meinten sie wir wären sicher mit ihnen und sie gehören zur Polizei.

Nach einer Weile wollten sie, dass wir online Geld auf ihr Konto überweisen per Handy, aber wir machten ihnen klar, dass dies nicht möglich ist. Wir sagten immer wieder, dass wir doch zur Bank fahren könnten, um dort Geld für sie mit unserer Karte abzuheben. Aber diese Vorstellung passte ihnen nicht und daraufhin meinten sie wieder sie wollten unser Geld ja gar nicht.

Nach weiteren Morddrohungen und durchsuchen unseres Materials, überlegten wir uns unser ganzes Geld herauszurücken, aber hatten gleichzeitig Angst, sie würden uns verletzten, da wir erst jetzt mit dem Geld rausrückten. Anfangs hatten wir gar nicht überlegt ihnen das Geld auszuhändigen, da sie uns nie wirklich danach gefragt hatten und wir bis am Schluss nicht wussten was überhaupt das Ziel der ganzen Situation war.

Schlussendlich riefen sie die Polizei an, welche tatsächlich kam. Wir räumten unser Material zusammen und fuhren mit dem Polizeiwagen zur Station. Den einzigen Schaden den wir davontrugen war, dass Adrians Ohr und Fabians Wange schmerzte und das Zelt kaputt war. Unter Schock und mit weichen Knien erreichten wir die Polizeistation und bekamen einen Raum für die Nacht. Wir kauften uns ein grosses Bier und ein paar Kekse, um die lebensgefährliche Situation zu verdauen.

Am nächsten Tag diskutierten wir mit einigen Polizisten und fanden heraus, dass die Vertreter der einheimischen Gemeinde wahrscheinlich Angst vor Banditen hatten und uns darum attackierten. Anscheinend dienten die Morddrohungen nur der Einschüchterung, aber dies änderte für uns die Situation nicht mehr.

Seit Jahren gibt es Probleme zwischen Christen und Muslimen in Nigeria. Einerseits wollen beide den Präsidenten stellen und zusätzlich gibt es extrem viele verschiedene Völker, die alle ihre eigenen Interessen vertreten.

Mit gemischten Gefühlen verliessen wir das sichere Polizeirevier wieder. Als wir an der Stelle vorbeikamen, wo sich der Vorfall vor zwei Nächten abgespielt hatte, mussten wir beide an diese unangenehme Situation zurückdenken.

Nach einer flachen, längeren Abfahrt, erreichten wir die Ebene, wo der Fluss Niger durchfliesst. Eine riesige Brücke führte uns über den drittlängsten Strom Afrikas, den wir bereits im Mai in Guinea überquerten. Damals sahen wir den Fluss vor der Regensaison und nur einige hundert Kilometer nach seiner Quelle. Bis der Niger ins Meer mündet schwillt er extrem an und nimmt unglaubliche Ausmasse an.

Wir folgten der Empfehlung der Polizisten in Agbor und fragten in Awka bei der Polizeistation nach einem Übernachtungsplatz. Schlussendlich konnten wir direkt vor der Polizeistation unser Zelt aufstellen und so an einem sicheren Ort schlafen.

Um aus sicher aus der Stadt zu gelangen, wies uns der Polizeichef eine Eskorte zu bis zur Grenze des nächsten Staates. Je weiter wir fuhren, desto schlechter wurde die Strasse. Bei einer längeren Abfahrt war nichts mehr von der ursprünglichen Strasse übrig und wir mussten uns durch Schlammlöcher kämpfen. Dies natürlich mit stetigem Gegenverkehr und Abgaswolken im Gesicht.

Auf dem Weg ostwärts durchquerten wir die Stadt Onithsa (1.2 Millionen Einwohner), welche 2016 im weltweiten Vergleich die grösste Luftverschmutzung mit Feinstaub aufwies. Diese Verschmutzung bekamen wir intensiv zu spüren und konnten nur durch die Nase atmen, da die eingeatmete Luft sonst im Hals gebrannt hätte.

Im hügligen Enugu durften wir beim Bruder der Polizeikommandantin aus Agbor unterkommen und wurden herzlich empfangen. Alle Familienmitglieder wollten eine Runde mit unseren Fahrrädern drehen und somit beweisen, dass sie wissen wie man so ein Gerät fährt.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.